Leben und Lernen in der Gemeinschaft

„Ich kann für dich nicht essen, davon wirst du nicht satt.
Ich kann für dich nicht schlafen, davon bist du morgen nicht ausgeruht.
Ich kann für dich nicht lernen, ….“
(Unbekannter Verfasser)

 Als evangelische Schule sehen wir es als unsere besondere Erziehungsaufgabe an, auf der Grundlage evangelisch-christlicher Wertmaßstäbe Impulse und Orientierung für verantwortungsbewusstes, ethisches Handeln in der demokratischen Gemeinschaft zu geben. Dazu gehören zunächst die positive Einschätzung der eigenen Persönlichkeit und die entsprechend positive und respektvolle Haltung den Mitmenschen gegenüber. Diese Haltung kann nur wachsen, wenn sich Kinder selbst mit ihren Stärken und Schwächen in der Gemeinschaft als wertvoll, respektiert und anerkannt erfahren. Dafür bietet die Klassen- und Schulgemeinschaft einen geeigneten Rahmen. Sie bietet als „embryonic society“ (Dewey), als „Gesellschaft im Kleinen“, auch einen geeigneten Rahmen dafür, Kindern Perspektiven für ein angemessenes Miteinander in der Gesellschaft als Ganzer zu eröffnen:

  • Perspektiven sowohl für Verständigungsbereitschaft, Offenheit, Toleranz und Respekt gegenüber allen Menschen in ihrer Vielfalt, als auch für Respekt gegenüber der Schöpfung und unserem Lebensraum insgesamt.
  • Perspektiven für Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten, die die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit den Wünschen und Bedürfnissen anderer, möglicherweise schwächerer Mitglieder der Gemeinschaft einvernehmlich in Einklang bringen.

Damit gelten für uns die Achtung vor der Würde des Menschen und der Schöpfung, Frieden und Gewaltlosigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung sowie Solidarität und Gemeinwohl als Grundwerte der Erziehung, aus denen sich Normen und Tugenden für das Alltagshandeln ableiten lassen.
Vor diesem Hintergrund ist für uns eine im Alltag gelebte, erziehende Lernkultur wichtig, mit der wir die nachstehenden Lernziele im Bereich der Selbstkompetenz und Sozialkompetenz verfolgen. Diese Ziele finden sich ganz ähnlich in den übergeordneten Richtlinien für die Grundschulen des Landes NRW sowie in den Lehrplänen insbesondere der Fächer Religion, Deutsch und Sachunterricht. Auch, wenn wir der Meinung sind, dass sich die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes nicht in derartigen Kompetenzbeschreibungen erschöpfen kann, so leisten sie doch einen zentralen Beitrag dazu:
Ziele im Bereich der Selbstkompetenz sind für uns,

  • allem voran ein solides Selbstwertgefühl zu erhalten bzw. aufzubauen, v.a. die Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeitsüberzeugung: „Ich kann!“);
  • die Fähigkeit zu fördern, Gefühle wie Freude, Trauer, Angst und Wut bei sich selbst wahrzunehmen und daraus Folgerungen für das eigene Verhalten abzuleiten (z.B. „Ich darf traurig sein und mich zurückziehen.“ oder „Ich darf wütend sein, aber die Wut nicht an anderen auslassen.“);
  • Lernfreude und Lernmotivation zu erhalten bzw. aufzubauen (z.B. Neugierde und „Forscherdrang“ zeigen; einen Freiraum sinnvoll nutzen);
  • Frustrationstoleranz zu fördern (z.B. Kritik annehmen können und offen sein für Ratschläge);
  • Selbsteinschätzungsfähigkeit zu fördern (z.B. eigene Stärken und Schwächen erkennen);
  • die Fähigkeit anzubahnen, sich eigene Lern- und Verhaltensziele zu setzen und Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen (z.B. persönliche Ziele formulieren, Vereinbarungen dazu treffen).

Ziele im Bereich der Sozialkompetenz sind vor allem,

  • die Fähigkeit zu fördern, Gefühle wie Freude, Trauer, Angst und Wut bei anderen wahrzunehmen und daraus Folgerungen für das eigene Verhalten und das Verhalten der Gruppe abzuleiten;
  • Kommunikationsfähigkeit zu fördern (z.B. aktiv zuhören, andere ausreden lassen, die eigene Meinung begründen, Gesprächsregeln kennen und anwenden (z.B. Gespräche eröffnen, höflich unterbrechen, …));
  • Kooperations- und Teamfähigkeit zu fördern (z.B. Regeln einhalten, eigene Ideen einbringen, Hilfe anbieten und annehmen, Funktionen innerhalb der Lerngruppe übernehmen);
  • Konfliktfähigkeit zu fördern (z.B. sachliche Kritik üben, Kritik annehmen, keinen ausgrenzen, Lösungsvorschläge einbringen, Kompromisse erwirken und eingehen);
  • Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme anzubahnen (z.B. für sich und andere in der Gruppe Verantwortung für eine Aufgabe oder eine bestimmte Aktivität übernehmen).

Wir sind uns bewusst, dass diese Erziehungsaufgaben hohe Ziele darstellen, die ständige Begleiter in jedem Unterrichtsmoment sind, denn jeder Unterricht erzieht. Ob wir wollen oder nicht, ob bewusst oder unbewusst: Wir als Lehrerinnen und Lehrer leben – ebenso wie die Eltern – ständig Werte, Normen, Haltungen und Verhaltensweisen vor, die sich auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf das Denken und das Handeln der Kinder auswirken. Es geschieht durch unser Tun ebenso wie durch unser Nicht-Tun – und ist vermutlich wirksamer als viele ausgewiesene „Erziehungsprogramme“. Dabei sind wir uns auch bewusst, dass wir oft selbst in Dilemmata geraten, dass manche Ziele durchaus in Konkurrenz zueinander stehen und dass auch wir Lehrer und Erzieher Menschen mit Grenzen sind.
Eine erste und grundlegende „Erziehungsmaßnahme“ sehen wir dennoch darin, die ganz oben genannten Haltungen wie Achtung und Respekt, Verständigungsbereitschaft, Offenheit und Toleranz als Selbstverpflichtung für uns Lehrkräfte zu begreifen. Wir bemühen uns, den Kindern diese Ziele selbst authentisch vorzuleben, damit die Kinder sie – und auch sich selbst – im Unterricht als wertvoll erfahren. Zudem sind sie in unserer Schulordnung und den Klassenregeln verankert und prägen unsere gemeinsamen Rituale.
Daneben bieten die Jahrgangsmischung und das offene Arbeiten den zentralen und wirksamen Rahmen, in dem die Kinder ihre Persönlichkeit und ihre Selbst- und Sozialkompetenzen weiterentwickeln. Als besonders wirksam erleben wir zudem den Klassenrat, das Schülerparlament und das schulweite Konzept „Gewaltfrei Lernen“, die unsere Lern- und Schulkultur stark prägen.